>Ein Wochenende mit Oma & Opa Kapriziös

>Ich betrete die 3-Zimmer Wohnung  im ersten Stock und alles ist wie immer. Ich habe meine Großeltern schon ein dreiviertel Jahr nicht mehr gesehen und bin innerlich erleichtert dass die beiden zumindest äußerlich nicht gealtert sind. Es riecht nach Oma und Opa und Putzzeug. Sicherlich hat Oma kurz vor meiner Ankunft noch die Wohnung geschrubbt. Ich bin fast sicher. Der Kühlschrank ist zum Bersten voll und mir wird noch bevor ich meine Schuhe ausgezogen habe die obligatorische Frage „Hast Du Hunger?“ gestellt die ich mit einem obligatorischen „Ein bisschen.“ beantworte. Ohne Hunger zu Oma und Opa zu fahren ist wie „fucking for virginity“ und ich achte deshalb darauf dass ich NIEMALS frühstücke bevor ich losfahre. Ich verköstige mich also ersteinmal an Melone mit Schinken und erzähle mit vollem Mund wie es mir so ergeht, was im letzten dreiviertel Jahr passiert ist und was es neues in Studiumsstadt gibt. Währendessen kann Oma nicht sitzenbleiben, schlawenzelt um mich herum, stellt mir Pantoffeln unter den Tisch „Schlüpf rein, sonst bekommst Du kalte Füße und dann Blasenentzündung…“, fragt nach dem ich ein Stück Melone gegessen habe, jedoch noch drei weitere STücke auf dem Teller liegen, ob sie noch mehr davon machen soll. „Nein Oma, und jetzt setz Dich hin.“. Sie sitzt, hört zu, ist aber mit ihren Augen immer wieder am Angebot auf dem Tisch und in Gedanken bei der Nachschubfrage. So ist sie eben.
Opa K. ist wie gewohnt ruhig und fragt nur ein oder zwei sporadische Fragen in denen er sich erkundigt ob jetzt nun die Straße vor meinem Haus endlich fertig gebaut sei, ob mich meine Arbeitskollegen in Praktikumsstadt auch ordentlich verabschiedet haben und ob ich mich wieder wohlfühle zuhause. Dann schnappt er sich die Fernsehzeitung, entdeckt dass um 17 Uhr ein Western kommt – jedoch wird sein Hoffnungsschimmer von Oma sofort zerschmettert „Jetzt ist das Klaane einmal wieder da und Du willst fernsehen!! Nix is!“. Der Fernseher bleibt also aus. Vorerst.
Ich entfalte mich auf dem Sofa, quatsche mit Mama K. und rauche eine.
Circa 20 Minuten nach Melone mit Schinken fragt mich Oma ob sie jetzt den Karpfen aufsetzen soll. Aus aller Munde schreit es ein „NEIN!“. Beleidigt zieht sich Oma in die Küche zurück, nur um dann mit einer Flasche Sekt zurückzukommen. „Aber die machen wir jetzt erst mal auf. Wir haben noch gar nicht angestoßen!“.  Aus aller Munde schreit es ein „Ok!“. So süppeln wir also gegen  halb drei den ersten Sekt und werden lustig dabei. Während Opa K. peinlich berührt auf den Balkon verschwindet und eine Zigarre raucht, legen die Mädels des Hauses Alexandra, Roy Black, Rod Steward und andere Schlager auf, lachen, singen und tanzen.
Irgendwann fragt Oma K. gar nicht, sondern wirft den Karpfen einfach ins kochende Wasser.

Und irgendwann essen wir dann auch:

Weil wir uns danach nicht viel weiter weg bewegen können gehen wir wieder zum Extrem-Couching über. Begleitet von mehreren Underberg-Fläschchen. Die brauchen wir jetzt auch.
Mir fällt die Decke auf den Kopf und ich schlage einen Spaziergang vor. Gesagt Getan. Wir marschieren also durch mein ehemaliges Heimatdorf. Die Veränderungen sind unübersehbar. Alles verfällt, stirbt aus, zieht weg, bleibt wie es war, heißt anders, etc. „War da nicht mal ein Blumenladen drin?“ frage ich, und Opa K. antwortet entrüstet: „Och, schon lang nicht mehr!“ Und ich stelle fest dass ich wirklich lange nicht mehr im Dorf war. Niemals mehr könnte ich dort leben.

Ein kleiner Eindruck vom Lifestyle im Dorf C.:

Wieder zuhause angekommen erfreute sich meine Family an „Das Supertalent“ und schimpfte über die unmöglichen Darbietungen um die Wette. Frl. K. saß dabei und hörte sich die Tiraden an, die sich ihr darboten. Sehr amüsant das Ganze.
Weiter ging es mit Erzählungen und Erinnerungen aus der Vergangenheit. Und ich frage mich: Wann fängt man an nicht mehr in der Zukunft zu denken sondern in der Vergangenheit? Sind das spezielle Menschentypen oder gibt es da einen magischen Punkt im Leben wo die Engines auf „Volle Kraft zurück“ gestellt werden? Und wenn ja, erreicht man diesen Punkt mit speziellen Erfahrungen oder mit einem bestimmten Alter? Wie ist das in anderen Familien?

Da ja die Uhr auf Sonntag zurückgestellt wurden erlaubten wir uns etwas später ins Bett zu gehen und so trank ich noch den ein oder anderen Williams Birne mit Opa K. Seine Enkelin und er trinken einen zusammen. So muss es sein.

Heute morgen, weckte mich dann Geschirrgeklapper aus der Küche und ich schlurfte mit noch bettwarmen Füßen ins Wohnzimmer. Und was sich da vor mir aufbaute! Ich versuchte mich zu erinnern? Wo war ich? Hatte ich das 5 Sterne Deluxe Programm gebucht? Das Frühstück, Oh mann, das kann das Adlon in Berlin nich besser.

Papa Kapriziös war auch noch zum Frühstück eingeladen und so klönten wir alle zusammen (fast wie früher) um die Futterstelle. Es ist immer wieder komisch Mama und Papa K. zusammen zu sehen. Aber hey, sie verstehen sich wieder. Die ein oder andere spitze Bemerkung fällt, aber keiner nimmt irgendwem noch etwas übel. So gefällt das Frl. K.

Auf dem Heimweg noch mal schnell den schönen bunten Schwarzwald fotografiert und schon ist die Geschichte „Besuch bei Oma & Opa K.“ vorbei. Schön wars.

Was habe ich gerlernt?

  • In unserer Familie wird Zuneigung über Essen und Körperkontakt vermittelt
  • Sie mögen den Cowboy schon jetzt (Dass Oma K. ihm nicht noch was zu Essen eingepackt hat war auch alles)
  • Dorf C. hat mich ausgespuckt und will mich nicht mehr zurück
  • Schlager sind manchmal  lustig, vor allem wenn Oma K. abgeht wie Zäpfchen!
  • *Achtung Vorurteil*: Im Dorf heiraten viele weil sie denken es kommt nichts besseres mehr. 
  • Das Stilempfinden war und ist scheiße in Dorf C.
  • Man fühlt sich hungrig nicht wohl bei Oma & Opa K. 

Was kommt als Nächstes?

  • Morgen gibts nur Hühnerbrühe und Gemüsesäfte

4 Gedanken zu „>Ein Wochenende mit Oma & Opa Kapriziös

  1. >Oh klasse, das ist bei allen Omas echt gleich.Als MANN und ich letztens bei meiner vorbeigefahren sind, um ihr etwas vorbei zu bringen war sie ganz entrüstet, dass wir weder Kaffee noch Kuchen und erst Recht kein "richtiges" Essen haben wollten.Ich weiß, dass das beim nächsten Besuch wieder doppelt gut gemacht werden muss :-)Naja, ich genieße es solange ich sie noch habe!

  2. >@Lauffrau: Oh, da haste Dir aber was vorgenommen (mit dem Wiedergutmachen meine ich)! Sie sind nämlich erst besänftigt wenn man ALLES zumindest probiert hat. :-)Aber ja, ich bin auch froh dass meine noch so fit und agil sind. Ein Hoch auf die Omas und Opas dieser Welt!

  3. >@MiH: Das nächste Festessen findet an Weihnachten statt. Dafür erübrigt sich eine Doodle Einladung, da immer am 24.12. Da muss ich aber Oma&Opa K. noch mal fragen ob ein Mann aus dem Internet kommen darf…

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