>Kulturwoche / Theater / Erklär mir, Liebe!

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(…) Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
Sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muß einer denken? Wird er nicht vermisst?

Du sagst, es zählt ein andrer Geist auf ihn …
Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander
durch jedes Feuer gehen.
Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.

(Ingeborg Bachmann)

Zum Abend

Der Morgen dämmert im Feierabendheim. Frau Grau hat wieder schlecht geschlafen. Herr Oben
ist noch maulfaul. Frau Müller und Frau Müller suchen die Katze. Kasimir bringt den Morgenkaffee.
Frau Madame zieht ein und mit ihr der Rollkoffer. Herr Patrone war schon auf Besuch da und
versucht, sich die Liebe zu erklären. Ist im Feierabendheim wirklich Feierabend oder feiert man
den Abend des Lebens? Endlich frei von Verantwortung und Zukunftsplänen, von belastendem
Hab und Gut, könnte man das Leben im Moment genießen. Und in Erinnerungen schwelgen, bevor
diese Löcher bekommen und ins süße Vergessen abtauchen. Die Liebe kommt hier als unerwarteter
Überfall, als Befreiungsschlag, in zarten Begegnungen, erbitterten Kämpfen, als unüberwindliche
Hürde oder glücklicher Zufall. Der Rollator wird zur Liebesschaukel und das Ende eines
Wollfadens zum Anfang eines Gedichts: „Deine Seele, die die meine liebet / ist verwirkt mit ihr im
Teppichtibet“
Wer kann heute eigentlich noch ein Gedicht auswendig aufsagen? Unsere Großeltern. Und wer
außer den hauptberuflichen Dichtern schreibt eigentlich Liebesgedichte? Verliebte Jugendliche.
Mit diesen zwei Vermutungen haben wir uns dem Thema „Deutsche Liebesgedichte vom Barock
bis heute“ genähert. Die daraus entstandene Idee, Liebesgedichte mit alten Menschen zu erzählen,
die den Feierabend ihres Lebens in einem Heim verbringen, dort ihren Erinnerungen nachgehen
und zugleich die Liebe im Jetzt erleben, wird mit einer anderen Idee verknüpft: Von Jugendlichen
selbst Gedichte für den Theaterabend schreiben zu lassen. In jeder Aufführung wird ein
ganz neues Gedicht aus dem „lyrix“-Wettbewerb des Deutschlandfunks auf der Bühne zu hören
und zu sehen sein.
Warum überhaupt Liebeslyrik auf dem Theater? Nur Liebesgedichte vermögen es, in wenigen
Zeilen so dicht und transparent, subjektiv und zugleich offen für fremde Interpretation zu erzählen,
wie Menschen „in Liebe fallen“ – oder aus ihr heraus. Gar nicht so einfach, angesichts der
vielfältigen Gefühle, die so flüchtig sind und oft so kompliziert. Oder so heftig, dass sie die Zeilen
sprengen müssten. Um über sich hinaus zu wachsen, brauchen Gedichte ein Gegenüber. Das
Theater kennt sich aus mit flüchtigen Begegnungen zwischen Menschen. Die Gedichte bekommen
einen Körper und eine Stimme, werden live interpretiert und zum Klingen gebracht. Sie werden
bereichert durch die Lebenserfahrung der Schauspieler und durch den Moment der Aufführung.
Vielleicht ist das Theater der Traumpartner für ein einsames Liebesgedicht.


Gestern abend mit Miss Froggy und Herrn Holpero gesehen, gehört, gelacht. Ein wundervoller Abend inklusive Post-theatrischer-Analyse in einer Bar mit gutem Wein und neuen Ideen für Folge-Projekte.

Auszug aus dem Programmheft:

Eindrücke:

Erkenntnisse des Abends:
1. Miss Froggy ziert sich wenn sie auf die Bühne gerufen wird (sie musste mit einem Schauspieler tanzen), tut es dann schlussendlich aber trotzdem.
2. Schauspiel ist umso besser je mehr bei vergessenem Text aufgrund von verschlucktem Kirschkern (das Spiel beinhaltete das Essen einer Schwarzwälder Kirsch Torte) improvisiert und gelacht wird. „Ähm, Herr Souffleur, wo war ich?“
3. Vergilbte Poesie des vorherigen Jahrhunderts ist durchaus heute noch spannend wenn sie so toll im Theater lebendig gemacht wird.

Lieblingsgedicht aus dem Stück:

liegen, bei dir

ich liege bei dir. deine arme
halten mich. deine arme
halten mehr als ich bin.

deine arme halten, was ich bin
wenn ich bei dir liege und
deine arme mich halten.

– Ernst Jandl, dingfest

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