>"Der Freitod gehört dann vollends zum Lifestyle"

>sagt Klaus Ernst (ehemaligre Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich) zum Thema Organisierte Freitodbegleitung wie dies etwa von den Einrichtungen EXIT oder Dignitas praktiziert wird.
Dort wird nach intensiver Vorabklärung,  Betreuung und Sicherstellen der Stabilität des Sterbewunsches dem „Patienten“ 15 Gramm des in dieser Menge tödlichen Medikaments Natrium-Pentobarbital (NaP) zur Verfügung gestellt.

Diesen Weg wählte auch der 56-jährige psychisch Kranke Andre Rieder, dessen letzte Wochen gestern abend auf SF in Form einer Dokumentation gezeigt wurden. Akribisch bereitete er sich auf seinen Tod vor und verabschiedete sich von Freunden und  Bekannten.

Ein interessantes und bewegendes Stück Fernsehgeschichte wie ich finde. Die Fragen die in der Diskussion mit dem Cowboy aufkamen waren:

  • Ist solch ein Suizid feige?
  • Darf man einfach so aus dem Leben gehen wenn man will?
  • Kann man durch eine psychische Erkrankung sooo lebensmüde sein?
  • Wie würde ich damit umgehen wenn ein Familienmitglied oder ein Freund diesen Weg wählen würde?

Meine Meinung:

Ich bin absolut Pro aktive Sterbehilfe. Ich finde daran nichts Feiges finden wenn man einen angenehmen Weg wählt aus dem Leben zu gehen, anstatt sich von der Brücke oder vor einen Zug zu werfen. Warum muss ein Suizid schmerzhaft oder barbarisch sein? Feigheit zeigt sich für mich eher bei den Menschen die sich einfach so ohne Vorwarnung oder Anzeichen selbst umbringen. SIE sind m.E. zu feige ihr Leben ordentlich zu beenden, sich aktiv damit auseinanderzusetzen, sich auch den Fragen ihrer Mitmenschen zu stellen und ihren Angehörigen keine Chance des Abschiedes mehr geben.
Manche Menschen ereilt ein derart untragbares Schicksal dass es für sie einfach nur diesen einen Ausweg gibt und ich finde jeder sollte selbst darüber bestimmen können wann er seinem Leben (und Leiden) ein Ende setzen möchte. Man kann sich schon nicht aussuchen geboren worden zu sein, also ist das der einzige Freiheitsgrad den wir Menschen haben. Ich könnte mir vorstellen dass allein das Bewusstsein darüber,  dass man mithilfe von solchen Organisationen wie EXIT sein Leiden beenden kann, eine Veränderung im Denken und Umgang mit der eigenen Krankheit stattfindet und man so vielleicht die eigenen Situation anders beurteilt (Pro-Leben).
Ich bin davon überzeugt dass man gerade bei einer psychischen Erkrankung eher suizidal werden kann als bei einer physischen. Gerade aus meiner Erfahrung in der Forensischen Psychiatrie kann ich sagen dass es durchaus Patienten gibt die „austherapiert“ sind und deren Krankheitsbild sich nicht verbessern wird. Ein Leben in einer,  nicht der Wirklichkeit entsprechenden, eigenen Wirklichkeit, die oftmals wesentlich negativer ist als die wirkliche Wirklichkeit ist eine immense Belastung und kann, wenn überhaupt, nur von jemandem nachvollzogen werden der selbst einmal unter z.B. einer Depression o.ä. gelitten hat.

Als ich Oma K. am Telefon über diese Dokumentation berichtete, war sie auch sofort interessiert und sagte dass es ja gut zu wissen sei falls mal was ist… Sprich, Oma K. würde einen solchen Tod in Betracht ziehen sollten die Lebens-Umstände für sie einmal unerträglich werden.
Und ich muss sagen (von meinem jetztigen Standpunkt) ich denke ich würde damit besser klar kommen als wenn sie nach langer Leidenszeit, da künstlich am Leben gehalten etc., sterben würde. Ich hätte noch die Möglichkeit ihr Dinge zu sagen die ich ihr noch sagen will. Ich wüsste sie WOLLTE das so und kann deshalb auch besser damit umgehen. Sie kann in Frieden gehen und ich kann in Frieden leben. Und ist das nicht auch etwas was sie sich wünschen würde? Dass die Angehörigen ihren Frieden damit finden?

Bei all meinem Fürsprechen für den Freitod, will ich aber auch nicht vergessen dass es Risiken gibt und man dieses Thema nicht leichtfertig abhandeln sollte. In meiner jetzigen Situation (ohne eigene Bettroffenheit) kann ich mir gut eine Meinung bilden, wie das dann im Ernstfall aussehen würde weiss ich natürlich nicht. Eine mehrfache unabhängige psychiatrische und somatische Begutachtung ist zwingend notwendig vor solch einem Schritt, und wer weiss ob da nicht auch Fehler gemacht werden. Ausserdem scheint mir die Begleitungszeit im Falle des Herrn Rieders (Mai 2010-Dezember 2010) etwas kurz und ich würde denken dass man einfach länger sicherstellen müsste dass dieser Mensch wirklich sterben möchte. Desweiteren müsste in jedem Falle ein weiteres Gutachten eines unabhängigen Arztes (sprich keiner der mit EXIT oder Dignitas zusammenarbeitet und dementsprechend eine positive Einstellung zum Freitod hat) zu Rate gezogen werden.

Zum Abschluss: Auf der Website von EXIT findet man ein gutes Zitat von einem meiner Lieblingsautoren Hermann Hesse: 

„Was den freiwilligen Tod betrifft: Ich sehe in ihm weder eine Sünde noch eine Feigheit. Aber ich halte den Gedanken, dass dieser Ausweg uns offen steht, für eine gute Hilfe im Bestehen des Lebens und all seiner Bedrängnisse.“

3 Gedanken zu „>"Der Freitod gehört dann vollends zum Lifestyle"

  1. >Das ist ein wirklich schwieriges Thema – ganz speziell wenn es um psychische Erkrankungen geht. Da ist eine längere beobachtende Begleitung unbedingt nötig. Aber Suizid als Ausweg aus einer unheilbaren körperlich quälenden Krankheit sollte ein Grundrecht sein, für oder gegen das sich jeder frei entscheiden dürfen sollte – natürlich nur sofern absolut sicher ist, dass es keinerlei Therapie mehr geben kann. Wie gesagt, ein heißes Eisen. Ansehen hätte ich mir die Sendung auf keinen Fall..

  2. >MiH hat die DOK auch gesehen und war einerseits schockiert und verrückt, andererseits berührt und traurig. Mit dem Verständnis tut sich MiH schwer, sehr schwer, denn letztendlich war es Aufgabe. Die Aufgabe eines Lebens, die Aufgabe ärztlicher Möglichkeiten und die Aufgabe von Familie, Freunden und Kollegen. MiH akzeptiert den Entscheid von André Rieder, kann und muss ihn aber nicht verstehen. MiH kann nicht verstehen, dass ein Mensch im Suizid den letzten Ausweg sieht. Ein Mensch ohne ersichtliche Erkrankung oder Schmerzen. MiH selber war noch nie von Depressionen betroffen, kann also nicht mitreden. Andererseits muss es doch möglich sein, mit unserer modernen Medizin (und Therapie und und und) einem Menschen zu helfen. Die Menschheit fliegt auf den Mond, untersucht die Titanic auf beinahe 4'000 Metern Tiefe, erschafft künstliches Leben – schafft es aber nicht, einem psychisch kranken Menschen zu helfen. Dieser Gedanke macht MiH zu schaffen.Wie in der DOK erwähnt: Was bleibt sind Hilflosigkeit, Betroffenheit, Trauer und viele offenen Fragen…

  3. >Hallo MiH, ich als Depressive fühle mich wie in der Hölle, mit vielen ekelerregenden Menschen, die sich gegenseitig zerfleischen. Ein stetiges fressen und gefressen werden – was das Leben absolut sinnlos macht. Ich sehe viel Leid und Ungerechtigkeiten … ich wünschte, ich könnte endlich diese Hölle verlassen – und wenn freiwillig, dann mit Würde. Wenn man das ganze Leben lang meist nur gelitten hat, sollte man schon selbst entscheiden dürfen, wann man gehen darf

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