Zwei Tage mit Papa K.

Hat jemand „Urlaub mit Papa“ von Dora Heldt gelesen?

Also ungefähr genau so wie Christine die Hauptfigur in diesem Roman hab ich mich gefühlt. Denn Papa war sehr sehr anstrengend.

Ist ja auch klar, ca. 18 Jahre haben wir nichts mehr zusammen unternommen, geschweige denn mal ein anständiges Gespräch geführt. Dies sollte jetzt alles mit diesem zweitägigen Kurzurlaub etwas anders werden. Wir wollen uns wieder annähern. Initiiert wurde das Ganze von mir, weil ich begriffen habe dass er dies einfach nie machen wird und manchmal muss man einfach seinen Stolz beiseite legen und sich einfach einen Schritt auf den anderen zubewegen. So weit so gut.

Wir sind also Montag mittag losgefahren, nachdem Papa mich aus Studiumsstadt abgeholt hat. Hier sei anzumerken dass er mich bislang nur einmal in 5 Jahren hier besucht hat mit der Argumentation dass er sich ja hier nicht auskenne. Ich war also überrascht dass er ohne Schwierigkeiten hergefunden hatte (!).

Papa K. ist ein sehr eigenartiger Mensch. Er ist dieser „Konsumgesellschaft“ sehr abgeneigt („Orrr, da die ganzen Verrückten wenn sie shoppen gehen, die wissen doch alle nicht was wirlich zählt.  Mir reichen zwei Hemden.“), besaß noch nie einen Anrufbeantworter („wenn ich da bin bin ich da, wenn nich dann nich“), war noch nie groß auf Reisen und will auch nicht reisen („brauch ich nicht. Alle anderen sollen das mal machen,mir gefällts hier“), betrachtet seine Welt sehr skeptisch („mich nervt dass ich mich immer rechtfertigen muss wie ich lebe.“), hat kein Internet zuhause („Neumodisches Zeugs da! Brauch ich nicht.“) und man fragt sich eigentlich ständig wie er so über die Runden kommt mit seinen Einstellungen.

Na ja, jedenfalls gings los. Und als ich einstieg fiel mir als erstes das da auf:

Aber dieses Oldies-Relikt nur so am Rande…:-)

Bis wir an unserer Unterkunft angekommen waren bekam ich schon eine kleine Kostprobe von Papas Unterhaltungs-Repertoire:

  • Fahrt auf die Autobahnraststätte: „Meinst Du die haben auf?“
  • Tiefergelegter Wagen mit jungem Fahrer: „Unsere Jugend: Jung, Dynamisch und Erfolglos!“
  • Über Drängler: „Alles gescheiterte Existenzen!!“
  • im Café: „Papa, iss doch nur etwas Kleines, sonst hast Du heute abend keinen Hunger mehr!“; „Ok. Einmal Schnitzel mit Kartoffelsalat bitte!“
  • über KiK: „Auch so ein Verbrecherladen!“

Nach der Ankunft in unserem Feriendomizil inspizierte er erst einmal den Abfluss („das ist ganz wichtig mein Kind, daran erkennt man ob ordentlich geputz wurde!“) und die Qualität der Matratzen (*drück, sitz, hüpf* „Joaa, Federkernmatratzen!“).

Am Ankunftstag haben wir erst einmal etwas kulturelles gemacht und uns das Schloss von Waldeck angeschaut. Danach waren wir noch essen in einem Landhotel („Guck dir mal die feinen Pinkel hier an, wie sie mit abgespreizten Fingern essen!“).

Abends haben wir uns es mit Bier und Wein auf dem Balkon gemütlich gemacht und haben begonnen zu reden. Mein Ziel war es ihn einfach besser kennenzulernen und so habe ich ihm einfach unheimlich viele Fragen gestellt (Welche Interessen hast Du? Was macht Dich glücklich? Wie läuft ein normaler Arbeitstag bei Dir ab? Was machst Du am Wochenende? etc.). So hatten wir erst einmal genug Gesprächsthema. Es ist komisch seinem Vater solche Fragen zu stellen, aber leider ist es nun einmal so dass ich das alles nicht über ihn weiß. Es ist irgendwie schon vertraut mit ihm, aber eigentlich kenne ich ihn gar nicht. Sehr seltsames Gefühl.

Am nächsten Tag waren wir ein bisschen in der Umgebung spazieren und haben uns dann auf den Hof unseres Bauernhofes gesetzt und haben weitergeredet.

Ich habe festgestellt, dass sein seltsames Verhalten mir gegenüber eigentlich nicht viel mit meiner Person zu tun hat. Papa scheint einfach mit allen Anforderungen die die Umwelt oder Personen an ihn stellen überfordert weil er selbst nicht mit sich im reinen ist. Genau dies propagandiert er aber immer und tut betont selbstsicher. Diesen Zahn, nämlich dass er diesbezüglich nicht nur sich selbst, sondern auch mich verarschen will, musste ich ihm erst einmal ziehen. Blöd ist nämlich dass ich soetwas ziemlich schnell durchschaue und auseinandernehme. So haben wir uns hauptsächlich über ihn und seine persönlichen Schwierigkeiten unterhalten. Auf die Nachfrage ob er mich denn nichts fragen wolle kam: „Was soll ich denn fragen? Weiß nicht wo ich anfangen soll.“. Nun gut, das ist ok. Ich wollte nichts über den Zaun brechen, und sollten wir nun zukünftig mehr Kontakt haben, werden wir noch genug Zeit haben meine letzten 18 Jahre aufzuarbeiten. Alles zu seiner Zeit.

Am Abend des zweiten Tages war Papa übellaunig („Alles scheiße, hab Kopfschmerzen, mein Kreuz tut mir weh, ich bin zu dick, ich habe keine Lust zu laufen…“). Und da ich auch müde war von der ganzen Rederei schauten wir noch etwas fern und schliefen dann ein. Nun ja… Papa schlief ein. Ich hatte einen ganz ganz schwierigen Schlaf weil:

Alles in Allem war es eine Ok-Erfahrung. Die Umgebung und der Hof waren toll. Der Rest war rather anstrengend und mentale Schwerstarbeit. Aber gut, niemand hat gesagt dass es leicht wird. Momentan kann ich jedoch auch noch nicht sagen was das Ganze bebracht hat. Das wird sich jetzt in der Zukunft zeigen. Ich bin gespannt und gebe noch nicht auf.

16 Gedanken zu „Zwei Tage mit Papa K.

  1. Liebes Frl. Kapriziös, ich habe das Buch gelesen und weiß zumindest an der Stelle, was Du meinst (hab´ ja außerdem zum Glück auch einen Papa).

    Ich fand es schon einerseits sehr initiativ, als ich von Deinem Plan gelesen habe, und andererseits fand ich es – trotz Unkenntnis der Person – bemerkenswert, dass Dein Vater sich darauf eingelassen hatte. Wahrscheinlich verglich ich automatisch mit meinem eigenen, bei dem ich mir nicht sicher gewesen wäre ….

    Sobald alles gesackt ist, hast Du hoffentlich das Gefühl, dass zu Gunsten eines besseren Verhältnisses etwas dabei heraus gekommen ist. Und falls es nicht so sein sollte, hast Du es zumindest versucht. Das ist ein gutes Gefühl und darum auch ganz viel wert.

    LG vom Rostkopp

    P.S. Hab gestern das Doppeltapedeck von meiner Anlage zum Recyclinghof gebracht ..😉

    • Liebe Frau Rostkopp,
      vielen Dank für Ihre lieben Worte! Na ja, es war ein schweres Stück Arbeit ihn zu diesem „Schritt“ (mit mir mal wegzufahren) zu bringen. Wie gesagt will er eigentlich nie wegfahren. Aber ich denke es hat sich schon deshlab gelohnt weil ich einfach mal einen Anfang gemacht habe und er vielleicht so merkt wie wichtig und schön so etwas ist.
      LG

  2. Tut mir leid, dass die Tage mit deinem Vater kein voller Erfolg waren. Aber wenn ihr da dran bleibt, könnt ihr bestimmt einiges aufarbeiten und euch näherkommen!

    Ich hab zu meinem Vater auch ein sehr komplexes Verhältnis. Er meldet sich auch nie von sich aus, da muss immer ich den ersten Schritt machen. Aber Eltern kann man sich ja nicht aussuchen🙂

    • Das ist so ein Ding mit dieser älteren Generation: Irgendwie erwarten die immer dass das Kind auf die ELtern zukommt. Schon seltsam. Eltern kann man sich nicht aussuchen, aber man kann sich die Beziehung zu ihnen selbst gestalten.

  3. Habe ich gelesen, sehr lustig… Also die Vorstellung, fass ich in 20, 30 Jahren so mit meinen Töchtern umgehen werde ;)… freue mich jetzt schon darauf.
    Schöner Post, ich glaube ich abonniere mal Deinen Blog.
    Julian

  4. Ich liebe dieses Buch, grandiose Unterhaltung!
    Davon mal ab, werden dir viele Dinge die Papa so tut nicht mehr so auffälig vorkommen wenn du öfter mit ihm umgehst, man gewöhnt sich halt an alles, Eltern sind Eltern, so ist das und ändert sich auch nicht. Irgendwann schlägst du nur noch die Augen gen Himmel und seufzt vor dich hin. schmunzel. Das wird Süße, wirst sehen, langsam ernährt sich das Eichhörnchen.

    • Das stimmt. Irgendwann wird er hoffentlich ganz normal der etwas kauzige Papa sein!😉 Ich habe eigentlich nach etwas Nachdenken auch ein gutes Gefühl dass das wird. Und viellleicht schreib ich dann auch mal ein lustiges Buch über ihn🙂

  5. Zumindest brauchst Du Dir nicht vorwerfen (lassen), dass Du es nicht versucht hast.
    Die Fragen find ich mutig (ok ich denke auch grad an das Verhältnis zwischen mir und meinem Pa).
    Manchmal denk ich mir schmunzelnd: ach wenn Eltern älter werden und manchmal braus ich total auf und hau ne Kontaktsperre rein.
    Wer weiß was sich entwickelt…
    Ich wünsch Dir das Beste🙂

    • Das denke ich mir auch. Ich habe es versucht und werde es weiter versuchen. So schnell geb ich nicht auf! Da muss schon wer anders kommen als Papa! Den bekomm ich auch noch soweit!🙂 Kontaktsperre und so mach ich nicht, dazu hatte ich bisher auch noch keinen Grund. Dir auch alles Gute mit Deinem Dad! Danke für die Wünsche!

  6. Liebes Frl. K., überfordern Sie Ihren alten Herrn nicht. Menschen, die an einem Punkt im Leben an- aber nicht weitergekommen sind, haben ihre eigenen Gründe. Klar, dass diese dann nicht die selben Ansichten teilen können. Woher auch? Hierfür fehlen Interesse und Wissen. Versuchen Sie gemeinsame Erlebnisse/Verbindungen zu stärken, alles andere kommt von alleine. Männer tun sich in der Kommunikation oft schwierig. Geben Sie ihm Zeit!

    • Keine Angst, ich mache ganz langsam. Ich hätte weitaus mehr auf den Tisch bringen können im Urlaub. Ich habe eher mehr nur zugehört und wenn dann kurz und knapp meine Einschätzung gesagt. Das hat schon erstmal gereicht. Wir müssen jetzt beide reflektieren und dann schauen wir weiter. Time will tell.

  7. Ich hab ja eher die Probleme mit meiner Mutter, mit meinem Dad gab’s noch nie irgendwelche Schwierigkeiten. Wobei „Schwierigkeiten“ auch übertrieben ist, im Gegensatz zum Verhältnis, was Du wohl offensichtlich zu Deinem Dad hast…
    Anyway, ich drück die Daumen, daß das wird. Den Anfang hast Du ja schon gemacht, und vorwerfen kannst Dir also nichts.

    • Es ist nicht mal ein schlechtes Verhältnis. Es ist einfach keins vorhanden.:-/
      Mit meiner Mutter hab ich schon aufgeräumt und es wird seit dem immer besser mit ihr. Dieser Erfolg hat mich auch angespornt Papa aus der Versenkung zu holen…😉
      Danke für die gedrückten Daumen, kann ich gut gebrauchen.

  8. Dass er sich mit Dir unterhält und sich öffnet, ist ein positives Zeichen. Wie ich das verstanden habe, willst Du ja nicht den perfekten Dad, sondern einen Vater, mit dem Du mehr Kontakt hast. Und für dieses Ziel ist das m. E. ein guter Weg.🙂

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