Life’s a bitch – and then you die

Die Handlung ist geradezu banal, im Wesentlichen eine Kneipentour durch mindestens 15 Berliner Kneipen, ein Schwimmbad und ein paar Betten, in denen aber eher der Rausch ausgeschlafen wird. Alkohol ist immer dabei, der Promillespiegel schwankt im Sommer 1989 bis zur Maueröffnung am 9.November dauerhaft zwischen 0,5 – 2,5. Und das Ziel des ganzen? Eigentlich keins bzw. einfach nur „Sein“. Dahintreiben ist vielleicht eine passende Bezeichnung. Es kommt zu interessanten Diskussionen wie „Wenn man betrunken ist, läuft die Zeit dann langsamer oder schneller?“ oder „Ist ein einsamer Kristall-Weizen-Trinker ein Zivilbulle?“. Geradezu erschreckend realistisch geschrieben.

Im Mittelpunkt steht Frank Lehmann, 29, ein relaxter, eigentlich recht netter, solider, trinkfester Typ mit trockenem Humor, der aber vor allen Dingen durch seine Leidenschaftslosigkeit auffällt. Das heißt – einmal verliebt er sich, wenngleich ohne Erfolg. Er wirkt fast langweilig. Aber er spielt keine aufgesetzte Rolle, was ihn wiederum ehrlich und sympathisch macht. Regener bedient keine Klischees, jeder im Buch hat seine Schwächen, es gibt kein Gut und Böse. Und obwohl laut Karl „die Scheißtageszeiten nicht interessieren“, hilft uns Regener doch mit Kapitelnamen wie „Frühstück“, „Mittag“ oder „Später Imbiss“ weiter. Beim Lesen über Lehmann schaltet man fast zwangsläufig einen Gang zurück und entspannt. Kein Zwang zu Höhepunkten, kein Ziel. So ähnlich muss Nirwana aussehen.

Ist Lehmann jetzt weiter als andere, oder bedauerlich? Wenn ich so den Stress und die Herzinfarkt-Quote einiger Kollegen sehe, denke ich, dass man schon von seiner inneren Ruhe lernen kann. Andererseits ist ein Leben ohne Leidenschaften auf Dauer auch irgendwie sinn- und trostlos. Das Buch beantwortet diese Fragen zwar nicht, doch Regener schafft es, den Ball konstant flach zu halten. Man liest weiter um zu erfahren, wie Lehmann denn der nächsten Eskalation aus dem Weg gehen mag. Diese Umdrehung der Spannungskurve ist Regener gut gelungen. Insgesamt ein interessantes, unkonventionelles Buch, das jedenfalls mir sehr gut gefallen hat.

10 Gedanken zu „Life’s a bitch – and then you die

  1. Das Buch ist gut, volle Zustimmung. Der Film geht so.
    Noch besser ist jedoch der 3. Teil, der eigentlich die Geschichte davor erzählt: „Der kleine Bruder“.
    Unbedingt lesen, wenn der 1. Teil gefallen hat, man bekommt einen schönen Einblick ins Berlin der 80er Jahre aufgrund der Sonderstellung in der Zone. Plätschert alles so langhin…
    Und stimmt…etwas Entschleunigung kann einem nur gut tun.

      • gibt sogar noch einen Teil: „Neu Vahr Süd“… war aber nicht so mein Ding, weil es um die Bundeswehrzeit (da kann ich nun gar nicht mitreden!) ging.
        Eigentlich wollte Herr Lehmann Zivi werden, hat es aber irgendwie vergessen sich dafür anzumelden🙂 – Freund von mir (Feldwebel) fand es aber gut.
        Glaube ist auch verfilmt worden….

        …. und jetzt geh ich mal zu Herr Regener und frag, ob ich Provision krieg.

  2. Wow, ich empfinde ganz genau wie du… Lehmanns Gelassenheit ist großartig, davon nehm ich mir gerne ein Stück. Aber etwas mehr Leidenschaft macht das Leben doch erst lebenswert…

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