Psychologische und menschliche Verpflichtung

Aus aktuellem Anlass muss ich hier mal eben meine Gedanken aufschreiben.

Vor ungefähr einer Stunde kam ein Mitbewohner (seit 3 Wochen da, Amerikaner) in mein Zimmer. Verwirrt. Zitternd. Unruhig. Fahrig.

Er stammelte darauf los, erzählte von CNN Nachrichten im Netz die ganz komisch geschrieben seien, dass so kein normaler Journalist schreiben würde (er zeigte mir die Artikel: völlig normal), es sei alles komisch. Ein anderer Studienkollege hätte gestern gesagt: „The USA is going to be over.“ und fragte mich ob er das wohl ernst gemeint haben und warum er sowas sagen würde.

Weiterhin berichtete er dass er gestern im Deutsch-Test schlecht abgeschnitten hätte weil alle anderen Teilnehmer an ihrem Handy rumgespielt hätten und sich sicher über ihn per Handy unterhalten hätten.

Er berichtete darüber wie er unter einer Brücke komische Figuren gesehen hat und wie ihm das Angst mache.

Außerdem fragte er mich ob ich wüsste dass Facebook geändert wurde. Ich bejahte das. Er fragte weiter ob nun alle wissen was er auf Facebook mache. Ich verneinte. Daraufhin sagte er, er sei der Meinung dass Facebook nun wisse was er jede Sekunde seines Lebens macht.

Während er mir das alles sagte wirkte er aufgelöst und unruhig getrieben. Er strich sich mehrmals mit der Hand über die Augen, als wolle er diese Erlebnisse aus seinem Gehirn löschen und war kurz vor dem Weinen.

Er schaute mich an und fragte mich: „Can you read my mind?“. Ich bestätigte ihm dass ich nicht wüsste was er denke, dies sei eine Fähigkeit die niemand beherrsche.

Auf mein Nachfragen hin sagte er dass dieser Zustand seit ein paar Tagen anhält und er keine Drogen konsumiert hat.

Zum Abschluss drehte er sich noch einmal um und fragte nochmals: „And you are sure that you can not read my mind and you don´t know what I am doing every second?“

Ich blieb wie versteinert zurück und versuchte meine Gedanken zu sortieren. Es war sonnenklar: Dieser junge Mensch hatte gerade seinen ersten schizophrenen Schub.

Mir wurde heiß und kalt. Über Schizophrenie weiß ich ziemlich viel, ich habe eine Hausarbeit darüber geschrieben (Theorie) und habe mit schizophrenen Patienten in der Sicherheitsverwahrung gearbeitet (Praxis, d.h. Forensische Psychiatrie). Nur waren diese Patienten bereits alle auf Neuroleptika eingestellt und zeigten wenn dann nur eine ausgeprägte Negativ-Symptomatik (Als Negativsymptome oder Minussymptome bezeichnet man die Einschränkungen des normalen Erlebens wie z.B. Schlafstörungen, Depressive Verstimmungen, Qelle: Wiki) die auch nach Medikamenteneinstellung weiterhin fortbestehen können. Ich hatte allerdings noch nie einen Menschen erlebt mit Positiv-Symptomatik (Als Positivsymptome bezeichnet man Übersteigerungen und starke Fehlinterpretationen des normalen Erlebens bis hin zu Wahn und manifesten chronische Halluzinationen, Quelle: Wiki) die zu Anfang einer Schizophrenie auftreten. Aber hier war er nun. Der Erste. Und das ausgerechnet noch im „normalen“ Leben.

Plötzlich ergab alles einen Sinn. Er ist genau im typischen Alter für einen schizophrenen Erstschub. Erst vor Kurzem hatte er sich aus heiterem Himmel mörderisch aufgeregt dass sein Zimmer so dreckig sei und dass er sicher sei das Studentenwerk würde ihn mit diesem Zimmer verarschen wollen. Er fragte sich auch immer wieder (typisch: unüberzeugbar) warum er als einziger Austauschstudent in einem anderen Wohnheim untergebracht ist (stimmt auch gar nicht). Dabei wirkte er immer verwirrt.

Gestern Nacht hörte ich laute Geräusche aus seinem Zimmer (er ist mein direkter Nachbar) und schrieb bei Facebook: „No idea what my neighbor is doing, sounds like he is moving around the bulit-in furniture“). Daraufhin kam er und sagte er würde putzen (nachts um halb zwei). Heute bin ich sicher er hat sein Zimmer nach Abhörgegenständen abgesucht. In Bezug auf einen Verfolgungsswahn (Verschwörung) ist dies ganz ganz typisch.

So. Was tun? Ich versuchte mich erst einmal zu beruhigen, denn ich muss gestehen ich habe doch etwas Angst vor ihm bekommen. Ich weiß dass Schizophreniekranke in ihrem Wahn zu Dingen fähig sind die sie normalwerweise nie tun würden.

Gerade eben habe ich mit dem diensthabenden Arzt der Psychiatrie  telefonisch gesprochen und ihm die Situation erklärt. Er meinte dass ich ihn überreden solle sich dort vorzustellen. Sollte das nicht funktionieren solle ich in einer Krisensituation (wenn er komplett durchdreht) die Polizei oder den Notarzt holen. Ich bin total durch den Wind.

Soeben kam er nach einem kurzen Spaziergang (hatte ich ihm geraten) wieder und ich schlug ihm vor zu einem „doctor“ zu gehen weil ich ja sehen würde dass es ihm nicht gut geht, etc. (das Wort Psychiatrie oder Therapie in den Mund zu nehmen ist bei solchen Patienten meist keine gute Idee, das verstärkt oft ihre Verschwörungstheorien). Das hat er leider abgelehnt. Er meinte er fühle sich jetzt schon viel besser nachdem er draußen war. Ich bat ihn sich bei mir zu melden sollte es ihm wieder schlechter gehen.

Leute, ich weiß nicht was ich tun soll. Ich versuche ihn in den nächsten Tagen etwas zu beobachten (Gott sei Dank ist der Cowboy da!). Er muss sich auf jeden Fall helfen lassen. Nur leider ist die Krankheitseinsicht bei diesen Erkrankten eher schwer zu bewerkstelligen. Ich will irgendwie tätig werden, mir sind aber momentan die Hände gebunden.

Was für eine Aufregung. Ich muss erst mal ganz tief durchatmen.

 

 

29 Gedanken zu „Psychologische und menschliche Verpflichtung

  1. Manno! Ich weiss ganz genau, wie Du Dich fühlst! Vor etwa 16 Jahren erlitt mein damaliger Lebenspartner urplötzlich eine massive bipolare Störung. Er wurde von einem auf den anderen Tag extrem manisch-depressiv. Alles begann an einem Sonntag Morgen. Beim Frühstück lächelte er mich plötzlich mit diesem „ich hab Nirvana gefunden“ Blick an und verkündete: „Nun ist mir alles klar!“. Damit könnte ich nichts anfangen. Aber Minuten später stand er Splitterfasernackt auf unserem Balkon und verkündete der Nachbarschaft lauthals, dass die Tyrannei der Wirtschaft und Mächtigen nun ein Ende habe. Ab sofort sei Geld abgeschafft und jeder könne sich im Supermarkt bedienen ohne zu bezahlen.

    Ich versuchte ihn wieder in die Wohnung zu ziehen. Aber er hatte plötzlich körperliche Kräfte, die seinen Normalzustand bei weitem überschritten. Erst langes Zureden half, ihn wieder in die Wohnung zu locken. Da ich ihn nicht stationär behandeln lassen wollte, bekam ich vom Hausarzt erstmal eine Megadosis Valium um ihn ruhig zu stellen. Und dann gings los mit Therapie und….endlosen Stunden und Momenten in denen ich zu Hause auf dem Sofa sass, er daneben in Gesprächen, die ganz ähnlich verliefen, wie dasjenige, dass Du oben beschrieben hast.

    In meinem wuchsen immer wieder Bilder. Was, wenn er plötzlich in die Küche ging, ein grosses Messer holte und sich selbst oder gar mir ein Leid zufügte?

    Nach zwei Jahren war ich tot! Hatte mich aufgelöst und existierte nur noch als 24 Stunden-Notfall-Vollzeit und überhaupt-Pfleger. Es ging nicht mehr und ich musste weg! Ohne die Hilfe meiner Familie und Nachbarn wäre ich wohl selbst durchgedreht.

    Versuche doch, Deine Nachbarn einzuweihen. Passt gemeinsam auf ihn auf und er sollte wirklich so schnell wie möglich in Behandlung! Also zögere nicht, bei der nächsten kritischen Situation den Notarzt zu alarmieren! Schlussendlich kann ihm nur ein Arzt helfen. Und wenn er sich darauf nicht freiwillig einlässt….dann halt so!

    Ich wünsche Dir viel Kraft dabei! Ein Glück wirst Du nicht aus heiterem Himmel zum ersten Mal mit sowas konfrontiert. Unheimlich genug ist es allemal! Aber so bist Du doch schon ein bissen vorbereitet!

    Du schaffst das! Und der Cowboy hilft sicher auch dabei!

    *daumendrück*
    Stoeps

  2. wowwowwow….. mist. an schizophrenie hab‘ ich auch sofort gedacht, als du seinen zustand begonnen hast, zu beschreiben.😦 soweit ich das verstehe ist es doch so, daß die betroffenen tatsächlich selbst verstehen/kapieren müssen, daß sie hilfe brauchen, ansonsten kann man doch bei ü18 nix machen, oder? blödblödblöd. kennst du freunde/verwandte von ihm? nach 3 wochen wahrscheinlich nicht…

    keine ahnung, was man da machen kann. hast recht, beobachten und abwarten ist wohl das beste.

    • Nein, man kann bei Ü18 wirklich nichts machen ausser eben in Extremsituationen den Notarzt zu rufen und ihn einweisen zu lassen. Schizophrenkranke haben große Mühe ihre Krankheit einzusehen, weil für sie ja das Erlebte die Realität ist. Man kann sich das einfach nicht richtig vorstellen als „Gesunder“. Es muss im wahrsten Sinne des Wortes „der Wahnsinn“ sein. Ich könnte wenn es sich verschlimmert seine Schwester auf Facebook mal anschreiben. Jetzt sehe ich allerdings noch davon ab.

  3. Gut, dass Du Bescheid weißt über die Symptomatik – so kannst Du eingreifen, wenn sich die Situation verschlimmert. Und Du hast Dir Rückendeckung vom Fachmann geholt, perfekt! Der Junge hat wirklich Glück mit Dir als Nachbarin, so kann ihm schnell geholfen werden, wenn es nötig wird. Halt die Ohren steif!

    • Ja, stimmt. Da bin ich auch froh dass ich da Ahnung habe. Es ist einfach alles so typisch, meinte auch der Arzt den ich am Telefon hatte. Ja, ich muss in solchen Situationen einfach immer reagieren. Ich hoffe nur er hat verstanden dass ich nicht Teil der Verschwörung gegen ihn bin und er sich mir anvertraut sollte es schlimmer werden.

  4. Puh, das hier so zu lesen ist ja wie im Film.
    Und dass du das komische Verhalten gleich auf Shizophrenie bezogen hast… Hm. Raten können wir wohl alle nichts, Außer das selbstverständliche, warten. beobachten, hoffen, ggf. Überzeugungsversuche.

    • Also ich habe auch darüber nachgedacht ob ich ihn vielleicht kranker mache als er ist. Aber Du hättest ihn sehen müssen als er mit mir redete. Er war SO fertig mit der Welt und die Frage ob ich seine Gedanken lesen könne lässt keinen anderen Schluss zu. Leider.

  5. Krass. Erst dachte ich ja, dass es sich um einen „normalen“ Amerikaner handelt, der mit Europa erstmal überfordert ist😉. Das hört sich jedoch echt nicht gut an, speziell in Anbetracht, dass Du Dich mit dem Krankheitsbild auskennst. Leider kann ich nicht viel dazu beitragen, außer Dir zu raten, in Krisenmomenten Deine persönliche Sicherheit nicht außer Acht zu lassen.
    Liebe Grüße

    • Als er erst zu mir kam und mit der CNN Sache ankam dachte ich mir auch noch nichts Schlimmes. Kann ja immer mal vorkommen dass man sich unbegründet Sorgen macht. Aber als dann die Facebook Geschichte und seine Frage kam machte es Klick bei mir und im Nachhinein ist alles, wirklich alles, krankheitstypisch. Klar, ich werde mich schützen.

  6. bloß gut, dass du das so schnell einschätzen konntest… ich habe so eine situation mit angehörigen durch und das war höllisch… ist noch mal schlimmer, wenn man die person gut kennt und einfach nichts machen kann!
    leider musst du wirklich warten, bis irgendwas „schlimmes“ passiert, weil sonst keiner eingreifen darf…. handy immer in der nähe haben und tür gut verschließen, sind schon mal gute maßnahmen… pass einfach gut auf dich auf, bitte

    • Das kann ich mir vorstellen dass das mit Angehörigen noch schlimmer ist! Es muss grausam sein jemanden den man liebt so zu sehen (siehe stoeps). Hab bisher nie abgeschlossen, das werde ich ab jetzt aber IMMER tun.

  7. Habt ihr einen psychologischen Dienst an der Uni? Wenn ja würde ich mich an die und die Unileitung wenden, auch mit der Nummer vom Doc für Rückfragen.

    Muss das schlimm sein, wenn einem sowas so weit von zuhause passiert. War das Heimweh vielleicht der Auslöser?

    • Ja haben wir. Aber der Doc mit dem ich gesprochen habe war von der Psychiatrischen Ambulanz und der weiß schon mal Bescheid. Er meinte ich kann jederzeit anrufen. Ich denke dass alles vielleicht zusammengespielt hat: Heimweh, vermehrter Alkoholkonsum (für Amis is das ja hier das Paradies unter 21) etc.

  8. Vor ca. 30 Jahren hatten meine Eltern Nachbarn, deren Sohn von jetzt auf nachher komplett ausgerastet ist. Ohne Vorwarnung. Seine Eltern wußten zum Glück sehr wohl, was mit ihm los ist, denn leider lag bei denen Schizophrenie in der Familie. Dennoch mußten sie die Polizei rufen und konnten ihn gerade noch zurückhalten, vom Balkon zu springen vor lauter Angst vor seinen „Verfolgern“.
    Umso schlimmer muß das alles für den armen Kerl sein, wenn das weit weg von der Heimat passiert. Möglicherweise ist ja wirklich das Heimweh der Auslöser gewesen…

    Paß auf Dich auf, viel mehr kannst Du wohl momentan nicht machen!

    • Oh Mann, das kommt einfach immer so plötzlich! Ja, Schizophrenie wird zu 50% vererbt, das ist schon ne krasse Quote und man kann davon ausgehen dass man irgendwo nen Schaden hat wenn ein Elternteil betroffen war. Ich schütze mich gut und kann damit auch jetzt besser umgehen so nach einigem Nachdenken und Reden.

      • da mein onkel und opa schizophrene schübe hatten/haben, hat mich das gerade sehr erschreckt mit den 5o%. deswegen hab ich bei wiki nachgesehen – und dort steht, so ich das fachzeugs verstehe, eine viel niedrigere quote. zitat: Bei einem schizophreniekranken Elternteil beträgt sie fünf bis zehn Prozent. das bedeutet doch, daß mein risiko unter 1o% liegen sollte – oder? help anyone?!

      • Also, die 50% beziehen sich auf eine Erkrankung beider Elternteile (50% der Kinder dieser Eltern werden erkranken). Bei Angehörigen zweiten Grades (Also Opa, Onkel) liegt es etwa bei 5%.

  9. boah hab ich grad gänsehaut! behalte ihn im auge, aber ich bin mir sicher, du wirst die situation meistern.

    ich denke spontan joanne greenberg und gehe das buch im keller suchen um es nochmal zu lesen.

    viel glück!

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